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Hengstberger Preis Preisträger*innen 2021

Religiöse Traditionen, Traditionalismus und Moderne

Seit der Aufklärung werden religiöse Traditionen und durch Tradition vermittelte Geltungsansprüche, etwa der Kirchen, in Europa in einem Widerspruch zu durch Vernunft und Beobachtung gewonnenem Wissen in den Naturwissenschaften und zur modernen Philosophie gesehen. 

Gleichzeitig entwickelt sich insbesondere mit der beginnenden Erforschung des Islam, aber auch mit Blick auf die Traditionen der Bibel, ein akademischer Traditionalismus, der in den religiösen Traditionen des Islam, des Judentums und Christentums einen notwendigen Gegenpol zur Vernunfterkenntnis und rationalen Weltsicht „des Westens“ erachtet und die religiösen Traditionen der Antike und Spätantike als nahezu verlorenen Schatz positiv aufwertet. 

Hengstberger Preisträger 2021 Dr. phil. Nora Schmidt u. Dr. theol. Patrick Ebert

Beide geistesgeschichtlichen Richtungen – die durch die Aufklärung vermittelte Kritik an religiösem Traditionswissen und der akademische Traditionalismus – haben zu der Wahrnehmung der Moderne als einer historiographischen Zäsur zu einer noch an Traditionswissen festhaltenden Vormoderne beigetragen. Seit einigen Jahrzehnten hat sich diese Sicht auf religiöse Traditionen verändert. Im Kontext von postkolonialer Theoriebildung, mikro- und globalhistorischen Perspektiven in den Kultur- und Geisteswissenschaften und Diskursen des cultural heritage sind religiöse Traditionen der Geschichte und Gegenwart als ein positives und schützenswertes Merkmal regionalspezifischer Lebensweisen und kollektiver Identitätsbehauptungen wiederentdeckt worden.

Die Hengstberger-Konferenz soll die Zusammenhänge von religiösen Traditionen und akademischem Traditionalismus einer Revision unterziehen und das prominente historiographische Paradigma der Moderne als Zäsur hinterfragen. Einerseits sollen schlaglichtartig Beispiele des Fortbestehens und Wandels einzelner religiöser Traditionsbestände und deren institutioneller und ritueller Formen in vormodernen und modernen Kontexten beleuchtet werden. Andererseits soll dem ambivalenten Erbe akademischer Erforschung von religiösen Traditionen Rechnung getragen werden. Die Konferenz soll so dazu beitragen, eine interreligiöse und der Vielfalt der historischen Zeugnisse angemessene Perspektive auf die Geltungsansprüche, sozialen Praktiken und wechselseitige Beeinflussung religiöser Traditionen in Geschichte und Gegenwart zu entwickeln.

Dr. phil. Nora Schmidt

Theologisches Seminar
Universität Heidelberg
Kisselgasse 1, 69117 Heidelberg
nora.schmidt@ts.uni-heidelberg.de

Dr. theol. Patrick Ebert

Theologisches Seminar
Universität Heidelberg
Kisselgasse 1, 69117 Heidelberg
patrick.ebert@wts.uni-heidelberg.de
Veranstaltungstermin: 13.10. - 15.10.2022